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Bernd Perplies

Flammen über Arcadion

  • Autor:Bernd Perplies
  • Titel: Flammen über Arcadion
  • Serie:
  • Genre:Horror
  • Einband:Hardcover
  • Verlag:Lyx
  • Datum:01 September 2012
  • Preis:19,99 EUR

 
»Flammen über Arcadion« von Bernd Perplies


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(5)

 
 
Das Mädchen Carya Diodato wächst wohlbehütet in dem kleinen, von Festungsmauern vom Rest der Welt abgetrennten, Arcadia auf. Dieser Ort ist eine kleine Oase inmitten einer verseuchten und lebensfeindlichen Welt, die vor Jahren durch ein Ereignis, genannt Sternenfall, verwüstet wurde. Regiert wird Arcadia von einem religiösem Orden, dem Lux Dei, dem Licht Gottes. Seit ihrer Kindheit bekommt Carya erzählt, dass alles, was außerhalb von Arcadia lebt, schlecht, unrein und böse ist. Um Arcadia zu schützen, gibt es den militärischen Zweig des Lux Dei, den schwarzen Templerorden. Einer ihrer Soldaten ist der Junge Jonan Estarto.

Durch Zufall wird Carya in die Auseinandersetzungen des Lux Dei mit den Invitros gezogen. Invitros gelten innerhalb von Arcadia als Menschen zweiter Klasse (wenn überhaupt), da sie nicht im Körper einer Frau heranwuchsen, sondern vielmehr im Reagenzglas gezüchtet wurden. Regelmäßig werden die, teils im Verborgen lebenden, Invitros verhaftet und vor Gericht gestellt. Ein Urteil endet in der Regel mit dem Tod des betreffenden Individuums.

Einer dieser Invitros ist Tobyn, der Freund von Caryas bester Freundin Rajael. Da die Gefangenen erst einer furchtbaren Folter unterzogen werden, nimmt Tobyn Rajael das Versprechen ab, ihn vorher zu töten sollte er einmal gefangen genommen werden. Als das geschieht, verschaffen sich die beiden Freundinnen mit einer List Zugang zum Gerichtssaal. Rajael bringt es jedoch nicht über ihr Herz ihren Geliebten zu töten. Carya hingegen, noch unter Schock stehend von einer kurz zuvor stattgefundenen Folterung an einem anderen Gefangenen, dessen Zeuge sie geworden ist, nimmt voller Wut auf den Lux Dei Rajael die Pistole aus der Hand und erschießt nicht nur Tobyn, um ihm die Folter zu ersparen, sondern feuert ebenfalls auch auf die Inquisitoren selber.

Rajael und Carya können anschließend in dem entstehenden Chaos zwar entkommen, geraten aber dadurch auf die Abschussliste des Lux Dei, der nun alles versucht der beiden habhaft zu werden. Während Rajael keinen anderen Ausweg mehr sieht und Selbstmord begeht, gelingt Carya die Flucht aus Arcadion. Der Templer Jonan, der sich bei einer anderen Gelegenheit in Carya verliebt hat, wird dabei zu ihrem Lebensretter. Der Weg führt die beiden in das Ödland, welches von Mutanten (strahlenverseuchten Menschen), Kriminellen und Invitros bewohnt wird – und zu einer geheimnisvollen Kapsel in der Carya einst vor 10 Jahren gefunden wurde und von der niemand weiß, wo sie herkommt.

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Auch in Perplies’ neuester Trilogie um das Mädchen Carya und dem Templer Jonan, versteht es der Autor sein Publikum (in diesem Fall also mich) wieder exzellent zu unterhalten. War ich Anfangs noch der Meinung einen Jugendroman vor mir zu haben, so wandelte sich das ganze doch schnell zu einem Roman für Erwachsene, auch wenn die Heldin noch minderjährig und Jonan etwas über 20 Jahre alt ist. Grund dafür sind für mich die doch teilweise recht herben und schockierenden Passagen über die diversen Folterungen und Kämpfe. Überhaupt erinnert mich vieles aus dem Buch an die unsäglichen Gerichtsverhandlungen aus der Zeit des Dritten Reiches, an die vielen Schauprozesse eines Roland Freislers der immer wieder gerne solche Ausdrücke wie „schämen sie sich nicht“ in Gegenwart der Männer und Frauen des Widerstandes verwendet hat.

Genau wie damals geht es auch im vorliegenden Buch dem Lux Dei nicht darum die Schuld oder Unschuld der Angeklagten herauszufinden, sondern lediglich sie der Lächerlichkeit anheim zustellen und das Todesurteil öffentlichkeitswirksam zu verkünden. Und eben genau wie Roland Freisler bedient sich der Inquisitor des Lux Dei der gleichen Herangehensweise und der gleichen Floskeln. Perplies versteht es hier auf der emotionalen Schiene zu schreiben, denn die Vorgehensweise von Inquisitor Loraldi, und die gleichzeitige Hilflosigkeit seiner Opfer, macht mich als Leser zornig auf solche eine Obrigkeit. Eine Obrigkeit, die leider nicht extra von Perplies für dieses Buch erfunden werden musste, sondern zahlreiche Vorbilder aus der Realität aufweisen kann. Zum Glück gibt es aber in diesem Buch, wie auch in der Realität, immer wieder mutige und aufopferungsvolle Menschen, die solch einer Obrigkeit die Stirn bieten, seien es nun Carya, Jonan oder die Mitglieder der "Ascherose“ (oder ist es die "Weiße Rose"?). Aber auch anderes erinnert mich frappierend an das Dritte Reich. Da wäre die Templerjugend mit ihrem Wahlspruch “Treu im Glauben, stark im Herzen, unerschütterlich im Geist“. In einer seiner Reden verlangte einst der Führer vom deutschen Jungen, zusammengefasst in der Hitlerjugend, das er “flink sei wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Die Zeiten scheinen sich nie, oder nur sehr träge, zu ändern.

Gleichzeitig versteht es Perplies jedoch, hier das Gerüst einer postapokalyptischen Welt zu entwerfen, die über das vorliegende Buch weit hinausgeht. Denn die eigentliche Geschichte, so scheint es zumindest, ist nur in Bruchstücken angerissen worden, das eigentliche Mysterium steht noch bevor. Nämlich die Herkunft Caryas. Da diese in einer geheimnisvollen Kapsel von ihren Zieheltern gefunden wurde, besteht sogar die Möglichkeit, dass Carya nicht von der Erde, sondern aus dem Weltraum kommt. Somit bieten sich auf die Frage, wie es zu dem Sternenfall kam (das wurde bisher noch nicht geklärt), nicht nur die möglichen Lösungen Atomkrieg und Meteoriteneinschlag an, sondern auch ein Angriff aus dem Weltraum, der vielleicht die eigentliche Heimat Caryas ist. Ich, der ich momentan nur den ersten Band kenne, bin auf jeden Fall schon sehr gespannt in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird.

Nachdem was Perplies bisher offenbar hat und was gleichzeitig auf dem Cover zu sehen ist, nämlich ein in Trümmern liegender Petersdom, tippe ich mal, dass Arcadion nichts anderes als Vatikanstadt ist. Das würde nicht nur den großen Einfluss des religiösen Ordens erklären, sondern auch die Bedeutung der schwarzen Templer oder der Purpurgarde, denn diese wären somit nichts anderes als die Schweizer Garde. Passen würde es und gleichzeitig auch erklären, warum die Garde so bedingungslos hinter dem Orden steht. Trotz der Verbrechen und Drangsalierungen sind es nur Jonan der aktiven und sein Freund Lucai, ebenfalls ein Gardist, der passiven Widerstand leisten. Auch die Einbindung der alten Technik, seien es nun der Panzer oder der Hubschrauber, sind immer wieder gute Einfälle von Perplies. Gerade diese machen unter anderem die Besonderheit von Caryas Transportmittel, der Kapsel, aus. Sind der Panzer und der Hubschrauber noch Relikte aus alten Zeiten, deren Technik fast niemand mehr beherrscht, so erweist sich die Kapsel doch als recht fortschrittlich und fast wie ein Wink aus der Zukunft und steigert das Rätsel daher um so mehr.

Mit Carya und Jonan hat Perplies dazu noch zwei sympathische und gleichzeitig auch tragische Helden erschaffen. Beide geraten eher zufällig in die Situation Gegner des Systems zu werden. Die Ereignisse reißen sie mit, nehmen ihnen selbst jeden Handlungsspielraum und stellen sie vor vollendeten Tatsachen. Aber sie hadern nicht mit ihrem Schicksal und machen das Beste daraus. Und, um hier noch einmal die Bresche zu dem Anfangs zitierten Widerstand im Dritten Reich zu schlagen, Julius Leber sagte einst vor dem Volksgerichtshof, als er sich für das Attentat auf den Führer verantworten sollte, „Für so eine gute und gerechte Sache ist der Einsatz des eigenen Lebens der angemessene Preis.“ Diesen Preis zahlen auch Jonan und Carya, und beide erkennen, dass er sich, trotz aller Widrigkeiten, lohnt. Mit Enzo, Adara, Pitlit und Ordun stehen ihnen dabei Freunde und Helfer zur Seite auf die sich sich verlassen können. Sie sind nicht allein.

Flammen über Arcadion entpuppt sich als wirklich tolles und ansprechendes Buch. Perplies schreibt seine spannende und nachdenklich stimmende Geschichte schnörkellos und ohne Längen. Vielleicht interpretiere ich auch zuviel in das Buch, aber es ist für mich gleichzeitig Mahnung und Aufruf gegen den Faschismus und totalitäre Regime. Mit einem wundervollen Cover versehen, das treffend das Symbol der Widerstandsgruppe Ascherose zeigt, liegt für mich ein rundum gelungenes Werk vor.
 
 
 


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